Rücktritt

„Am 26. April 2026 endet meine Zeit im Nationalrat. Mein Einsatz für eine gerechte, nachhaltige und solidarische Schweiz endet jedoch nicht.“

Einige Gedanken zum Abschluss meiner politischen Arbeit

Liebe Leserinnen und Leser

Nach 33 Jahren aktiver Parlamentspolitik – davon 13 Jahre im Nationalrat – werde ich am 26. April 2026 meine politische Arbeit im Bundeshaus beenden. Dieser Schritt fällt mir nicht leicht. Politik war für mich nie nur ein Amt, sondern immer auch Haltung, Verantwortung und Leidenschaft.
Mein politisches Engagement begann 1991 mit dem Frauenstreik. Die Energie dieses Tages, die Entschlossenheit und Solidarität der Frauen, haben mich tief geprägt. Zwei Jahre später wurde ich ins Stadtparlament St. Gallen gewählt, 1996 in den Kantonsrat, den ich im Jahr 2000 präsidieren durfte. 2013 folgte ich Hilde Fässler in den Nationalrat.
Was mich über all die Jahre getragen hat, ist die Überzeugung, dass Gleichstellung, Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit keine Selbstverständlichkeiten sind – sie müssen immer wieder erkämpft und verteidigt werden.

Gleichstellung bleibt aktuell
Obwohl die Gleichberechtigung seit 1981 in der Verfassung steht, ist echte Gleichstellung noch nicht erreicht. Die Gefahr eines gesellschaftlichen Rückschritts ist real. Besonders im Bereich Gewalt gegen Frauen oder bei der Umsetzung der Istanbul-Konvention braucht es weiterhin politischen Druck und ausreichende Ressourcen. Fortschritte sind möglich – aber sie sind nicht unumkehrbar.

Klima- und Umweltpolitik: Verantwortung übernehmen
Als in den 1980er-Jahren das Waldsterben Schlagzeilen machte, handelte die Politik entschlossen – mit wirksamen Vorschriften und klaren Zielen. Dieses Beispiel zeigt: Politisches Handeln kann Wirkung entfalten.
Heute stehen wir vor einer noch grösseren Aufgabe. Die Klimakrise, der Verlust der Biodiversität oder neue Umweltbelastungen wie PFAS verlangen entschlossenes Vorgehen. Das Pariser Klimaabkommen von 2015 setzte einen wichtigen Rahmen. Umso besorgniserregender sind aktuelle internationale Rückschritte. Was wir heute unterlassen, wird kommende Generationen teuer zu stehen kommen.

Internationale Solidarität statt einseitiger Aufrüstung
In der Aussenpolitischen Kommission durfte ich mich während 13 Jahren für Entwicklungszusammenarbeit, Menschenrechte, Völkerrecht und Diplomatie einsetzen. Die Schweiz verfügt mit Genf als internationalem Zentrum über eine besondere Stärke: Dialog, Vermittlung und humanitäres Engagement.
Ich bin überzeugt: Sicherheit entsteht nicht allein durch militärische Mittel, sondern durch Prävention, Zusammenarbeit und stabile internationale Beziehungen. Die aktuellen Budgetkürzungen in der internationalen Zusammenarbeit zugunsten einer massiven Aufrüstung betrachte ich deshalb kritisch.
Ein besonderes Anliegen war und ist mir die Umsetzung der UNO-Resolution 1325 «Frauen, Frieden, Sicherheit». Friedensprozesse sind nachhaltiger, wenn Frauen mitgestalten. Hier bleibt viel zu tun.

Europa und multilaterale Zusammenarbeit stärken
Seit 2014 habe ich das EU-Dossier eng begleitet. Verlässliche Beziehungen zu unseren europäischen Partnern sind gerade in geopolitisch unsicheren Zeiten zentral.
Auch in meiner Arbeit in der OSZE-Parlamentarierversammlung erlebe ich, wie wichtig multilaterale Institutionen sind – und wie stark sie unter Druck stehen, insbesondere seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Gerade jetzt braucht es Engagement statt Rückzug.
Diese Themen haben zu hunderten Vorstössen, Fragen und politischen Debatten geführt. Nicht alles gelingt sofort. Politik ist ein langfristiger Prozess, oft ein Ringen um kleine Schritte. Aber jeder Fortschritt beginnt mit Beharrlichkeit.
Dieses Amt ausüben zu dürfen, war für mich ein grosses Privileg. Ich durfte in diesen Jahren mit vielen engagierten Menschen zusammenarbeiten – im Parlament, in der Partei, in Organisationen und in der Zivilgesellschaft. Dafür bin ich sehr dankbar. Ohne euch, geschätzte Leser*innen, wäre das alles nicht möglich gewesen. Viele von euch haben mich seit Jahren unterstützt – danke dafür!

Am 26. April 2026 endet meine Zeit im Nationalrat. Mein Einsatz für eine gerechte, nachhaltige und solidarische Schweiz endet jedoch nicht.

Herzlich
Claudia Friedl